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And now for something completely different!

Eingeweihte wissen, dass der @mucradblogger gern mal an altem Gerät herumschraubt. Um nicht dauernd nur herumzunörgeln, dachte ich mir, ich gebe Euch mal einen kleinen Werkstattreport.

Ein normaler Tag in der Klassikergarage

Erste Aufgabe: Seit Jahren verstaubt in einer mitteldunklen Ecke meiner Verliese ein Zeitfahrrad aus der legendären Textima-Manufaktur, die in ihrer Zeit die DDR-Elite ausstattete. Jetzt hat sich ein echter Liebhaber für den Rahmen gefunden und er soll verschickt werden. Also die Werkzeuge gezückt, die Lenden gegürtet und ran ans Zerlegen!

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Das Textima (künstlerische Interpretation)

Teil 1: die widerspenstige Kurbel

Eigentlich eine leichte Aufgabe. Das Rad hat wohl nur wenige km gesehen und war offensichtlich von einem Fachmann aufgebaut – alles mustergültig gefettet und so weiter. Die potentiellen Problemstellen wie Vorbau, Stütze sprangen mir förmlich in die Hand. Ausnahmsweise unterließ ich sogar meine Lieblings-Abbau-Fehler (z.B. Laufräder + Gabel entfernen, bevor man die Pedale abschraubt…)

Es ging wie beim Semmelbacken: Kette runter, Schaltung ab, Bremsen weg, Sache von 15 Minuten. Sogar daran gedacht, die innenverlegten Züge drin zu lassen. Säuberlich mit Panzerband am Rahmen fixiert, man ist ja nett zu seinen Kunden.

Linke Kurbel ab, dann die Rechte, gleich fertig. Aber hat sich was mit „gleich fertig“: sie will nämlich nicht, die Rechte. Der Abzieher geht auf Block und Ende. Jetzt habe ich schon mal eine gute Victory-Kurbel wegen einer vergessenen Beilagscheibe vom Abziehgewinde befreit, deswegen bin ich da etwas grundnervös. Die Linke hatte keine Probleme gemacht, und normalerweise zieht der Mechaniker ja nicht links normal an und rechts wie ein Ochse.

Also: Abzieher wieder runter. (Nervig, mein Abzieher hat zweierlei Schlüsselweiten und ich mache so was mit einem großen Franzosen wegen Hebel). Aber da ist keine vergessene Beilagscheibe. Also wieder drauf das Ding (Immerhin das Gewinde ist gut) und mehr Schmalz.

GRRRMMMMMMMMMMBL… geht nicht ab. Zu Glück fotografiert mich keiner, wäre ein Bild für Götter, weil ich gleichzeitig mit einem Fuß den labberigen Kettler-Montageständer davon abhalten muss, Salto zu schlagen. Verf…. das *muss* doch aufgehen… noch mehr Einsatz, der Schlüssel bewegt sich – ganze drei Bogenminuten. Dann Block, absolut, wie angeschweißt – wobei ich schon Schweißnähte gesehen habe, die das nicht ausgehalten hätten. Die Handflächen sind inzwischen Negativ-Abdrücke der vermaledeiten schmalen Schlüsselgriffe.

Nachdenkpause. Ist der Stempel des Abziehers größer als das Vierkant-Loch der Kurbel und drückt deswegen aufs Alu statt auf die Achse? Abzieher wieder runter mit ähnlichem Gewalteinsatz… nö, kein Abdruck zu sehen (und warum auch, auf der anderen Seite ging’s ja….)

Irrwege

Kurz spiele ich mit der unheiligen Idee, Innenlager und Kurbel dem neuen Besitzer als Dreingabe zu vermachen, aber erstens habe ich nichts gegen ihn persönlich, und zweitens brauche ich das Lager eigentlich für ein anderes Rad. Also nix da, Aufgeben ist für Weicheier.

Noch ein Versuch, beide Schlüssel mit Lappen umwickelt: Wieder eine Bogenminute herausgeholt. Allmählich bekomme ich Angst um Rahmen, Kurbel und Ischiasnerv. Diesmal bekomme ich den Abzieher fast nicht mehr runter.

Ob man da mit dem Dreiarm-Abzieher hinkommt…?! Nö, natürlich nicht, das ist eine alte Ultegra, die läßt fette 3 mm Luft zum Rahmen, da bekommt man ein Pergamentpapier dazwischen, aber keinen Abzieher.
Ob man das Tretlager mit Kurbel dran abkriegt?! Zu 2/3 ja, die Gegenschale flutscht fein heraus, der Ring läßt sich lösen, aber die rechte Kappe geht natürlich ums A..lecken nicht mit den Fingern zu schrauben. Für den Stiftschlüssel ebenso natürlich wieder kein Platz. Alles wieder drauf, zurück ans gedachte Zeichenbrett. Das muss doch…

Hilf Gewalt nicht, hilft noch mehr Gewalt

Schließlich die Erleuchtung:

Erstens: Überzählige Kurbelschaube vom Kopf befreit und eingedreht in die Welle – vielleicht geht der Stempel vom Abzieher doch aufs Alu…. überprüft an der linken Kurbel— es *ist* verdammt knapp… Zweitens: Schonbacken in den Schraubstock, ganzes Rad auf die Werkbank, JUCHEI, die Kurbel kommt genau auf der richtigen Höhe zu liegen. Quer in den Schraubstock gespannt das Ding, und…. jetzt ging’s (recht leicht sogar). Warum, weiß der Geier. Bonus: Alles kratzerfrei.

Teil 2: Klassikerrestauration ist Detailarbeit!

Mein Bedarf an roher Gewaltanwendung war erst einmal gedeckt, deswegen habe ich zur Entspannung einen Marchisio-Schraubkranz gewartet.

Ihr Jungvolk kennt das nicht mehr, solche Kränze besprühen den, der blöd genug ist, sie aufzuschrauben (Als Deppensicherung Linksgewinde) mit 100 Kügelchen der Größe 3 mm, von denen man beim Aufmachen bei Einhaltung aller bekannten Tricks bis zu einem Drittel aufzufangen in der Lage ist. Gerne gefolgt von den lose eingelegten Sperrklinken und deren mikroskopischen Federchen (Halt! Da ist eine! – oh, war doch bloß eine Wimper).

giphy

Zerlegen eines Schraubkranzes (Abb. ähnlich)

34 Kügelchen im Auffang-Lumpen, die anderen 66% tanzen lustig auf dem Werkstattboden gen Gully (Werkstatt war mal Waschküche). Auf-allen-Vieren-Herumgekrochenes Intermezzo – so stelle ich mir Ostern in Liliput vor.

 

Nach reichlich verstrichener Zeit die Bestandaufnahme: Was einmal 100 waren, sind jetzt 95 – ein bißchen Schwund ist ja immer. Die Kugeln liebevoll einzeln gesäubert, gesalbt und gepudert, mit Lupe, Pinzette und Hanseline Weiß an die richtige Stelle gepappt, die Freilaufklinken mit ingeniöser filigran-Fadenschlingtechnik niedergezwungen (wo war gleich meine vierte Hand), Kranz auf Stock gesetzt mit der Sorgfalt eines Sprengmeisters, der ein ganz arg instabiles britisches Weihnachtsgeschenk von ’44 verarztet, denn wenn man eins der Kügelchen auch nur schief ansieht, wird es sich verkrümeln,mit Vorliebe dahin, wo es die Freilaufsperre blockiert. Nicht zittern, nicht schauen, nicht atmen – Deckel axial aufschrauben (Ein Schwyyzer Uhrmacher ist ein Dreck gegen mich)… schon nach wenigen dutzend Versuchen (Linksgewinde!!) waren und blieben tatsächlich alle Atom-großen Kügelchen, wo sie hingehörten.

Ergebnis: Freilauf schnurrt wieder wie ein sattes Kätzchen  (Jetzt brauch ich wieder ein Rad, zum Dranschrauben)

Wenn nur alles so einfach wäre

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