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Am vergangenen Freitag stellte der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) die Landesunfallbilanz für 2013 vor. In der verlinkten Pressemitteilung des Stuttgarter Polizeipräsidiums heißt es:

Auf den Straßen in Baden-Württemberg verunglückten 2013 insgesamt zwar weniger Menschen als im Vorjahr. Aber die Zahl der tödlich verunglückten Fahrradfahrer ist von 44 auf 52 gestiegen – also um mehr als 18 Prozent. „Erschreckend finde ich, dass 70 Prozent der getöteten Fahrradfahrer keinen Helm trugen“, beklagte Innenminister Reinhold Gall bei der Vorstellung der Verkehrsunfallbilanz für 2013 am Freitag, 21. Februar 2014, in Stuttgart.

Im nächsten Absatz geht es so weiter:

Untersuchungen der Bundesanstalt für Straßenwesen im Jahr 2012 hätten ergeben, dass zwei von drei Kindern bis zehn Jahren innerorts einen Radhelm tragen. Bei den Erwachsenen dagegen seien es gerade vier bis 13 Prozent. „Für die allermeisten Kinder ist das Helmtragen eine Selbstverständlichkeit. Aber der Großteil der Erwachsenen kommt in dieser Hinsicht seiner Vorbildfunktion nicht nach“, mahnte Gall. Er kündigte an: „Wir werden daher auch weiterhin Initiativen unterstützen, die das Helmtragen fördern. Denn Helme können echte Lebensretter sein!“

Das sind schon seltsame Argumente und Zahlenspielereien, die Gall und seine Polizei hier auftischen, um Fahrradfahren um jeden Preis als lebensgefährlichen Wahnsinn zu diskreditieren und Menschen, die auf dem Fahrrad keinen Styropordeckel tragen, unterschwellig als latent suizidal diagnostizieren. Da frage ich mich unwillkürlich, für wen sich Politiker wie Gall und sein Kollege Herrmann eigentlich verkehrspolitisch einsetzen. Nicht für Fahrradfahrer jedenfalls, dafür aber für eine weiterhin uneingeschränkte Gewaltausübung von Kraftfahrzeugen auf ihren Straßen – sollen sich doch diese Fahrradfahrer zum eigenen Schutz einpanzern. Diese offensiv vorgetragene fahrradfeindliche Haltung ist, wie ich bereits formuliert habe, eines der deutlichsten Symbole einer nicht vorhandenen Fahrradkultur in Deutschland.

Die Panikmache in Presseerklärung wird besonders abstrus, wenn ich die genannten Zahlen hinterfrage. Zwar werden absolute Zahlen bei den getöteten Fahrradfahrern genannt, aber gleich hinterher mit einer dramatischen Prozentzahl blutig untermalt. Dabei wird dezent unterschlagen, wie sich diese Zahlen gegenüber den Zahlen des gesamten Radverkehrs in Ba-Wü verhalten, einmal die hochgerechnete Zahl an Fahrradfahreren insgesamt und einmal die Zahl an zurückgelegten Fahrradkilometern im statistischen Zeitraum. Erst damit bekommen die Unfallzahlen eine Aussagekraft. So sind sie nur Propaganda.

Genauso irreführend ist die Aussage, 70 Prozent – das sind absolut 36 – der getöteten Fahrradfahrer hätten keinen Helm getragen. Daraus folgt, daß 30 Prozent – das sind absolut 16 – einen Helm trugen und er offensichtlich nutzlos war. Bei den getöteten 36 Fahrradfahrern wird nicht deutlich, welche Unfallverletzungen tödlich waren, d.h. es wird nicht klar, ob ein Helm überhaupt lebensrettend gewesen wäre. Wenn schon den 16 anderen das nicht der Fall war, obwohl sie das doch als so lebensrettend angepriesene Stück umweltschädlichen Sondermülls trugen, wage ich das stark zu bezweifeln. Zu zynisch? Nicht weniger als Galls vor Betroffenheit triefende Darlegungen, der die Verkehrstoten nur allzu gnadenlos für seine fahrradfeindliche Angstpropaganda einsetzt.

Entsprechend sehe ich auch Gall Ankündigung, er wolle „weiterhin Initiativen unterstützen, die das Helmtragen fördern“ als Drohung. Es ist schon so, wie der ehemalige britische Rennradfahrer und heutige fahrradpolitsche Berater Chris Broadman unlängst formulierte, daß sich Regierungen, die das Helmtragen fördern und eine Helmpflicht propagieren, lieber der Gewalt auf den Straßen unterwerfen und die Leute auffordern, sich passiv zu schützen, als aktiv gegen diese Gewalt vorzugehen. Oder wie Broadman es drastischer ausdrückte: Sie fordern die Leute auf, auf der Straße eine kugelsichere Weste zu tragen, weil draußen rumgeballert wird, anstatt etwas gegen die Ballerei zu unternehmen, was eigentlich ihre Aufgabe sei.

Eigentlich sollte das Gall zu denken geben, denn er ist als Innenminister auch für die öffentliche Sicherheit zuständig. Wird es aber nicht, fürchte ich. Statt dessen wird nur wieder das Blabla eines Pressesprechers als Antwort kommen, Einsicht ist keine zu erwarten.

http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/110985/2670272/

Gastbeitrag von EvaK

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