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Neulich kam in einer dieser fröhlichen Internet-Diskussionen unter Rennradlern mal wieder das Thema auf: Was trägt der modebewusste Radler oben? Dabei ergab sich folgender Dialog:

F: „Kann mir als Frau mal einer von euch erklären, was diverse Fahrer an diesen albernen Teammützen so toll finden und warum sie statt dessen nicht einen Helm tragen?“

A: (mucradblogger):
Gerade Du als Frau müsstest doch verstehen, dass schmückende Kleidung keinen Grund braucht. Für nabelfreie Hemdchen und Stöckelschuhe gibt’s ja auch keinen praktischen Grund…
Allerdings verstehe ich die Frage nicht so ganz, denn, wie Du hier im Thread sehen kannst, wollen doch 90% der Rennradler unbedingt auch so einen tollen Helm aufsetzen, wie ihn die Profis haben. Der Radmützenträger ist eher der Modemuffel.

Wer sich nun dem Modediktat nicht beugt und die gemeine Radmütze (auch „Rennmütze“ oder „Campagnolomütze“ genannt) aufsetzt, obwohl sie, wie Du richtig erkannt hast, Sch****e aussieht, erkennt schnell, warum sie über Dekaden die Kopfbedeckung der Wahl war, von Coppi über Anquetil bis Merckx. Die Herren haben, nebenbei bemerkt, übrigens alle ihre aktive Karriere heil überstanden, trotzdem sie Rennsport auf höchstem Niveau über lange Jahre betrieben haben, auf schlechten Straßen mit nach heutigen Maßstäben unfahrbaren Material.

Die Vorteile der gemeinen Rennmütze (ein Essay)

– Schweißschutz und Hygiene
Aus Baumwolle gefertigt, saugt sie den Schweiß auf, bevor er einem in die Augen rinnt. Ein klarer Punktsieg gegen den Helm. Das kann sie obendrein, ohne gleich zu stinken wie drei Iltisse, und waschbar ist sie auch noch.
Sehr im Gegensatz zum synthetischen Helmpolster, das mag zwar theoretisch waschbar sein, das wird aber in der Praxis selten unter Beweis gestellt (Vielleicht mag sich ein Fachmann von der med. Abteilung mal die Mühe machen, an einem typischen RTF-Fahrerhelm nach Bakterienkulturen zu suchen?)

– Ästhetik
Gut, Teufel oder Beelzebub. Mit Mütze sieht 99% der Menschheit aus wie Karl Napf und mit Helm wie Calimero. Soweit unentschieden.
Dafür machen Helme recht lustige Sonnenbräunungsmuster (halbierte Stirn, Y ums Öhrchen, Streifen auf der Platte). Man hat also die Wahl, entweder *nur* auf dem Rad gegen gängige Sehgewohnheiten zu verstoßen, oder immer. Mir ist Variante 1 lieber.

– one size fits all
Im Gegensatz zum Radhelm, der durchaus an weibliches Schuhkaufsverhalten erinnernde Shoppingorgien verlangt, bis man eine Eierhälfte gefunden hat, die auf den Quadratschädel passt, haben Hundertschaften hochbezahlter Ingenieure, Wissenschaftler (mit NASA-Hintergrund) und sonstiger Genies die Rennmütze mit einem patentierten Passmechanismus versehen: dem Gummizug.

Es hat sich allerdings gezeigt, dass diese genial simple Lösung manche Konsumenten überfordert. Die Einfachheit wird als Missachtung der eigenen Individualität empfunden – mein Schädel ist schließlich nicht *irgendein* Schädel. Erste Hersteller bieten daher bereits Radmützen in mehreren Größen an, deren dynamischer Verstellbereich durch Verwendung minderwertiger Gummizüge eingeschränkt wurde.
Auf die Marktankunft von Radmützen mit Hutgrößen im cm-Abstand und zum Premium-Preis warten wir stündlich.

– Sonnenschutz Teil 1
Der Radhelm hat zur Ventilation wenige große Löcher, in denen nicht nur biologisch Interessierte die Möglichkeit haben, allerlei geflügelte und gestachelte Saugrüssler und Nektarsammler einzufangen. Im Hochsommer gesellt sich dann noch die UV-Strahlung hinzu, die Lepra-artige Fleckenmuster auf der Platte verursachen kann.
Die Mütze dagegen besteht einfach aus luftdurchlässigem Gewebe, bzw. <marketing>die revolutionäre Funktionsmembran besitzt pro Quadratzentimeter tausende Löcher vom 700-fachen Durchmesser eines Schweißmoleküls</marketing>. Diese geschlossene Gewebedecke beugt Sonnenbränden auf der Kopfhaut vor, die ist manchmal vom schütteren Haupthaar nur unvollkommen geschützt (gut, ein Männerproblem).

– Sonnenschutz Teil 2
Der innovative Stoffschild der Rennmütze kann in Höhe und Richtung beliebig variiert werden. So ist es möglich, auch bei schräger tiefstehender Sonne das Training mit guter Sicht fortzusetzen, während der Helmträger da eher den Blindflug pflegt (Auch das könnte ein Grund sein, warum praktisch jeder Helmfreund eine Nahtod-Erfahrung aufzuweisen hat).
Mit nach hinten gedrehten Schild besitzt man schwer zu toppende Windschlüpfrigkeit (Siehe J.Ullrich EZF TdF 1996), auch der empfindliche Nackenbereich ist so vor zu viel Sonne geschützt.

– Regenschutz
Der tief heruntergezogene Schild ist in der Lage, die Radbrille vor Spritzwasser zu schützen, wenn es mal regnet. Auch hier versagen gewöhnliche Helme.

– Variabilität Teil 1
Die Campagnolomütze läßt den überaus nützlichen Brillenstauraum auf der Stirn frei. So kann der Radler bei überraschend auftretender Dunkelheit (Tunneleinfahrten) mit einer kleinen Handbewegung die Sonnenbrille aus dem Weg befördern und die Fahrt sicher und mit unbeeinträchtigter Sicht fortsetzen. Helmträger können das nicht und neigen in derselben Situation deshalb zu panikartigen Vollbremsungen („Hilfe! ich bin Blind!“), sehr zur Freude ihrer Nachfahrenden, eine Erfahrung, die ich alljährlich wieder machen darf.

– Variabilität Teil 2
Eine Stoffmütze ist nicht nur beim Radfahren praktisch. Man kann sie auch bei Bootsfahrten, Bergwanderungen oder Spaziergängen benutzen, ohne, dass freundliche große Männer mit weißen Turnschuhen ihre Begleitung und ein enges Jackerl anbieten.

– Variabilität Teil 3
Eine Radmütze ist ja nur ein Stückchen Baumwolle und als solches sehr vielseitig einsetzbar. Zum Trocknen des Gesichtes vom Schweiß etwa in der Pause.

– Variabilität Teil 4
Ich kann mich auch an eine Situation erinnern, als ich während einer langen Tour ganz dringend einem menschlichen Bedürfnis nachkommen musste, aber hinter dem Busch meiner Wahl die Papierrolle alle war. Mann, da hätte ich ungern einen Helm zum Abwischen benutzt.
(Danach sollte man auf eine Weiterbenutzung der Mütze evtl. verzichten. Man muss aber kein schlechtes Umweltgewissen haben, wenn man das Mützerl in der Wildnis entsorgt, da Baumwolle verrottet, im Gegensatz zum Helmrohstoff. Der degeneriert zwar auf dem Fahrerkopf nach Herstellerangaben innerhalb dreier Jahre und muss unbedingt ersetzt werden, wenn einem sein bisschen Leben lieb ist, lebt aber auf der Müllkippe noch mindestens 200 weitere…)

– Preiseffektivität
Sie muß nach einem Sturz gewöhnlich nicht ausgetauscht werden, und wenn doch, zu humanen Preisen (ca. 6.99€)“

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